Giftiges
Wer sich mit dem Sammeln von Wildpilzen beschäftigt, kommt nicht umhin, sich auch mit den giftigen Verwechslungspartnern und deren Wirkung zu beschäftigen.
Die Thematik ist schon sehr komplex und daher wird dieses Thema etwas umfangreicher. Vorab sei aber bemerkt, dass Pilze eben Naturprodukte sind und Gift gehört eben dazu. Darum sollte man sich aber nicht die Freude am Sammeln und Genießen von Pilzen nehmen lassen.
Kartoffeln sind roh auch giftig und enthalten das Gift Solanin, ein natürliches Gift, das in kleinen Mengen meist harmlos ist, aber in größeren Mengen zu Bauchschmerzen, Übelkeit und Erbrechen führen kann. Wer weiß das schon?
Das lehrt uns aber zwei Dinge:
- Die Menge macht die Wirkung.
- Die Zubereitung ist sehr wesentlich. Siehe dazu auch die Einleitung unter Rezepte.
Mit dem Gift von Pilzen ist aber nicht zu spaßen. Jedes Jahr sterben etliche Menschen an den Folgen von Verwechslungen und der Speise von Giftpilzen. Im Ruhrgebiet ist hier die Klinik in Essen eine gute Anlaufstation mit entsprechender Erfahrung.
Sollte es doch mal zu einer Vergiftung kommen, ist Folgendes zu beachten:
- Keine panische ad hoc Aktionen durchführen, z. B. Erbrechen hervorrufen
- Immer einen Arzt oder eine Klink aufsuchen
- Einen Pilzsachverständigen kontaktieren, z. B. mich!
- Putzreste aufbewahren zur Bestimmung der Pilzart
- Genau auf die Symptome achten. Wann ist was eingetreten.
Die folgenden Angaben der typischen Giftpilze sind beispielhaft und nicht vollständig.
Wir gliedern in folgende Themen:
Unechte Pilzvergiftung
Im Folgenden werden sehr viele komplizierte Syndrome genannt, aber eins ist sehr häufig und die Ursache für sehr viele Vergiftungserscheinungen. Man findet einen Speisepilz, der nicht mehr so ganz frisch aussieht und dann bleibt er noch einige Tage im Kühlschrank. Pilze enthalten sehr viel Eiweiß und das kann verderben, genauso wie bei Fleisch. Gammelfleisch bereitet keiner mehr zu, bei Pilzen ist die Hemmschwelle anders, aber genauso gefährlich. In der Einleitung zu den Rezepten haben wir dazu einige Hinweise gegeben. Dann gibt es einige Pilze, die schnell Schimmel ansetzen, z. B. die Maronen-Röhrlinge. Wenn das sichtbar ist, ist der ganze Pilz nicht mehr essbar.
Allergien
Immer mehr Menschen reagieren mit Allergien auf bestimmte Lebensmittel. Das brauchen wir hier nicht weiter erwähnen. Das kann auch bei Pilzen der Fall sein. Die Eiweißverbindungen sind nicht zu unterschätzen. Daher sollten unbekannte Arten immer einzeln verkostet werden, siehe auch hier die Hinweise in den Rezepten.
Echte Vergiftungssyndrome
Einige Pilze enthalten nachgewiese Gifte, die für den Menschen schädlich sind. Dabei gilt wie bei allem: Die Menge macht das Gift, aber das kann schon eine sehr geringe Menge sein. Und die Konstitution des Menschen, der die Pilze zu sich nimmt, spielt auch eine Rolle. Kinder und Schwangere sind immer besonders gefährdet. Aber warum soll man einen gefährdeten Pilz überhaupt zu sich nehmen? Es gibt genug andere schmackhafte Speisepilze. Man muss sie nur kennen.
Phalloides-Syndrom
Der Grüne Knollenblätterpilz (Amanita phalloides), dessen lateinischer Namen dem Syndrom seinen Namen gegeben hat, führt in Europa zu den meisten tödlichen Vergiftungen. Hier werden Angaben von über 90% gemacht. Nun wird niemand in den Wald gehen und den tödlich giftigen Pilz bewusst sammeln. Die meisten Sammler denken, sie ernten einen harmlosen Champignon. Das klingt fast etwas kurios, aber junge Exemplare können durchaus ähnlich aussehen, wenn man die entscheidenden Merkmale nicht kennt.
Nach einer Latenzzeit von 5 - 48 Stunden macht sich eine gastrointestinale Phase mit Kolik artigen Bauchschmerzen, Erbrechen und wässrigem Durchfall bemerkbar. In der Folge klingen die abdominellen Symptome ab und es kommt zu einer scheinbaren Besserung bzw. Genesung. Nach zwei bis sieben Tagen folgt die hepatorenale Phase mit Magen-Darm Blutungen sowie Leberschädigung und Nierenversagen. Die Vergiftung kann unbehandelt zum Tod führen.
Typische Pilze sind:
Grüner Knollenblätterpilz (Amanita phalloides)
Spitzkegeliger Knollenblätterpilz (Amanita virosa)
Gifthäubling (Galerina marginata)
Fleischbrauner Schirmling (Lepiota brummeoincarnata)
Fleischrosa Schirmling (Lepiota josserandii)
Gyromitrin-Syndrom
Die Vergiftung kündigt sich nach 6-8 Stunden mit heftigem Erbrechen, Mattigkeit, Bauchkoliken, wässrigen, teils blutigen Durchfällen an. Es folgen Symptome von Seiten des Nervensystems wie Benommenheit, Zittern, Gehstörungen, Delirien, Unruhe, Reflexanomalien, Trübung des Bewusstseins, Koma, die bis zu 24 Stunden anhalten können.
Typische Pilze sind:
Frühjahrslorchel (Gyromitra esculenta)
Riesen-Lorchel (Gyromitra gigas)
Bischofsmütze (Gyromitra infula)
Muscarin-Syndrom
Der Name des Syndroms ist schon leicht irreführend. Der Fliegenpilz heißt auf lateinisch Amanita muscaria, aber enthält nur sehr geringe Mengen an Muskarin. Der Name muscaria stammt von dem lateinischen Namen für Fliege und hat mit dem Gift Muskarin nichts zu tun.
Das Muskarin wirkt bereits ab 15 Minuten nach dem Verzehr, aber
es kann auch 1-2 Stunden dauern bis es zu Schweißausbrüchen,
Tränenfluss, Speichelfluss, langsamen Puls und tiefen Blutdruck
kommt.
Typische Pilze sind:
Alle Risspilze (Inocybe) sind verdächtig, Muskarin zu enthalten.
Aber auch einige Trichterlinge (Clitocybe) und Helmlinge (Mycena) enthalten Muskarin, so z. B. der häufig vorkommende Rosa Rettich-Helmling (Mycena pura).
Gastrointestinales-Syndrom
Teils noch während der Pilzmahlzeit oder nach bis zu vier Stunden kommt es zu Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Durchfall. Das ist zwar unangenehm, aber nicht nachhaltig schädigend.
Der Tiger-Ritterling (Tricholoma pardinum) gilt aber bei geschwächten Menschen durchaus als tödlich.
Typische Pilze sind:
Riesen-Rötling (Entoloma sinuatum)
Karbolegerling (Agaricus xanthoderma)
Ziegelroter Schwefelkopf (Hypholoma leteritium)
Grüner Schwefelkopf (Hypholoma fasciculare)
Schönfußröhrling (Boletus calopus)
Satansröhrling (Boletus satans)
Wurzelnder Bitterröhrling (Caloboletus radicans)
Stinkschirmling (Lepiota cristata)
Wolliger Milchling (Lactifluus vellereus)
Herbstlorchel (Helvella crispa)
Tiger-Ritterling (Tricholoma pardinum)
Paxillus-Syndrom (Immunhämolyse)
„Einmal kann man jeden Pilz essen“. Den Spruch kennt sicherlich jeder. Er gilt um so mehr bei dem Kahlen Krempling (Paxillus involutus). Der Körper nimmt ihn auf und bildet Antikörper. Wenn er im Laufe von Wochen, Monaten oder Jahren wieder verzehrt wird, kommt es zur Gegenreaktion. Die Immunhämolye führt zum Zerfall der roten Blutkörperchen und führt dadurch zu Schädigung von Leber und Nieren. Symptome sind Bauchkolik, Brechdurchfälle, Kollaps, Blutfarbstoff im Urin, Gelbsucht, Hämoglobin im Plasma. Das kann nach 15 Minuten bis 2 Stunden nach wiederholten Mahlzeiten auftreten.
Typischer Pilz:
Kahler Krempling (Paxillus involutus)
Pantherina-Syndrom
Überwiegend handelt es sich hierbei um psychische Wirkungen („ähnlich einem Alkoholrausch“, Bresinsky & Besl 1985), aber mit halluzinogener Komponente wie Sprachstörungen, Störung der Bewegungs-Koordination, Sehstörungen, verändertes Raum-Zeit-Empfinden und veränderter Emotionslage. Je nach dem können auch Gleichgültigkeit, Depression, Ängste oder Euphorie auftreten, gelegentlich Tremor und Krämpfe. Dann folgt Tiefschlaf von 10-15 Stunden. Es sind auch Todesfälle bei schweren Vergiftungen möglich (kein Aufwachen aus einem Koma). Patienten sind in der Regel bald gut erholt und ohne Erinnerung an die durchgemachte Vergiftung. Spätfolgen sind selten und nur bei hoher Dosierung zu erwarten.
Verantwortlich sind die Giftstoffe Ibotensäure und Muscarin, die 15-30 Minuten bis 24 Stunden nach der Verkostung wirksam werden.
Typische Pilze sind:
Pantherpilz (Amanita pantherina)
Narzissengelber Wulstling (Amanita gemmata)
Königsfliegenpilz (Amanita regalis)
Psilocybin-Syndrom
Nach 15 Minuten bis 4 Stunden zeigen halluzinogene Wirkungen,
aber auch die Schädigung des zentralen Nervensystems durch
Benommenheit, Schwindel, Unruhe, Gleichgewichtsstörung,
Magen-Darm-Symptomatik, Tobsucht, Rauschzustand und
Halluzinationen.
Typische Pilze stammen aus den Gattungen:
Kahlköpfe (Psilocybe)
Risspilze (Inocybe)
Flämmlinge (Gymnopilus)
Düngerlinge (Panaeolus)
Morchella-Syndrom (Indigestions-Syndrom)
Das Morchella-Syndrom kann nach übermäßigem Verzehr von Morcheln (Morchella spec.) auftreten, oder wenn diese nicht ausreichend gegart sind.
Nach 3 Stunden, aber auch bis zu 24 Stunden treten die Symptome auf, die sich mit Zittern, Schwindel, Gehstörungen, Muskelschwäche, Sehstörungen, Lähmungen zeigen.
Hierbei handelt es sich um neurologische Störungen wie Trunkenheitsgefühl, Zittern, Gleichgewichtsstörungen und Schwindel, aber auch Brechreiz und Magen-Darm-Störungen.
Typische Pilze sind:
Spitzmorchel (Morchella elata)
Speise Morchel (Morchella esculenta)
Käppchen-Morchel (Morchella semlibera)
Böhmische Morchel (Verpa bohemica)
Coprinus-Syndrom
Die Coprin-Vergiftung ist keine Toxin-Vergiftung, weil sie nur in Verbindung mit Alkohol auftritt.
Bereits nach einigen Minuten bis zu 1 Stunde nach der Mahlzeit mit Alkohol. Die Reaktionen wiederholen sich während 2-4 Tagen bei erneutem Alkoholgenuss.
Man sollte 3 Tage vor der Pilzmahlzeit und 3 Tage danach kein Alkohol zu sich nehmen.
Symptome sind plötzliches Auftreten von Hitzegefühlen,
Beengung, Atemnot, Rötung von Gesicht und Rumpf, Schwindel,
Herzklopfen, Brustschmerzen und Kollaps.
Typische Pilze sind:
Faltentintling (Coprinopsis atrametaria)
Spechttintling (Coprinopsis picacea)
Keulenfußtrichterling (Ampulloclytocybe clavipes)
Pleurocybella-Syndrom
Vergiftungen sind nur aus Japan bei Nierenpatienten in Dialysezentren bekannt.
Die Latenzzeit kann Tage bis 3 Wochen betragen. Symptome sind Zittern, Sprachstörung, Trübung des Bewusstseins und epileptische Anfälle.
Typischer Pilz:
Ohrenförmiger Seitling (Pleurocybella porrigens)
Hapalopilus-Syndrom (Polyporsäure-Syndrom)
Nach 12-13 Stunden stellen sich Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen, Sehstörungen, Nierenversagen und violetter Urin ein. In der Literatur gibt es nur eine kollektive Vergiftung mit 3 Personen.
Typischer Pilz:
Zimtfarbener Weichporling (Hapalopilus rutilans)
Orellanus-Syndrom
Nach Tagen bis Wochen kommt es zu Erbrechen und Durchfäll.
Spätsymptome sind obligatorisch, z. B.
Versagen der Urinproduktion und akutes Nierenversagen. Selten
sind Früherbrechen oder Durchfälle nach 4-24 Stunden.
Bekanntgeworden ist das Orellanus-Syndrom durch eine polnische Hochzeit im Jahr 1952, bei der 135 Fälle von Nierenversagen mit 19 Todesfällen nach Genuss einer Suppe mit dem Orangefarbigen Raukopfs (Cortinarius orellanus) bekannt wurden.
Nierenschädigungen kommen durch: Orellanin, Gyromitrin, Amanitin und Polyporsäure.
Typische Pilze sind:
Spitzgebuckelter Raukopf (Cortinarius rubellus)
Orangefuarbiger Raukopf (Cortinarius orellanus)
Dottergelber Klumpfuß (Calonarius meinhardii)
Spitzgebuckelter Raukopf (Cortinarius rubellus)
Duftender Trichterling (Paralepistopsis amoenolens)
Igelwulstling (Aspidella solitaria)
Equestre-Syndrom
Bei wiederholtem Genuss innerhalb von 2-3 Tagen zeigen sich nach 24-72 Stunden die Symptome von Müdigkeit, Muskelschwäche, besonders in den Oberschenkeln und braunem Urin bei schwerer Vergiftung. Die quergestreifte Muskulatur zersetzt sich (Rhabdomyolyse), es folgen Niereninsuffizienz und Herzversagen.
Anmerkung:
Zwischen 1992 und 2000 wurden in Frankreich und Polen 12 Vergiftungen nach wiederholtem Genuss von Grünlingen erfasst.
Typischer Pilz:
Grünling (Tricholoma equestre)
Krebserregend
Die Nebelkappe oder Nebelgrauer-Trichterling (Clitocybe nebularis) erzeugt eigentlich keine wirkliche Vergiftung.
Dieser Pilz gilt in vielen Pilzbüchern als essbar. Auch in nördlichen und südlichen Ländern Europas ist er immer noch ein beliebter Speisepilz. Dennoch! Nach neuesten Erkenntnissen sollte dieser Pilz nicht mehr gegessen werden. Die Inhaltsstoffe können Magen-Darm-Störungen auslösen. Für viele Personen ist er auch gekocht noch sehr unverträglich. In Tierversuchen wurden Krebs und Lungenödeme durch die Inhaltsstoffe des Pilzes ausgelöst!
Das enthaltene Nebularin kann Genveränderungen hervorrufen.
Radioaktivität
Das ist eigentlich keine Pilzvergiftung, aber nach der Bodenbelastung durch die nach der Tschernobyl-Katastrophe ist das ein Thema. Die Winde habe radioaktive Stoffe sehr weit verteilt.
Das bedeutet aber nicht, dass man diese Pilze nicht essen kann. Die Empfehlungen liegen hier bei nicht mehr als eine Pilzmahlzeit pro Woche und nicht mehr als 20 kg pro Jahr.
Das betrifft besonders folgende Pilze:
Maronen-Röhrlinge (Imleria badia)
Pfifferlinge (Cantharellus cibarius)
Zuletzt aktualisiert am 23.04.2026
